Die Kinder Manasses kehren mit der Operation „Wings of Dawn“ zurück

Am israelischen Gästeabend des diesjährigen Laubhüttenfestes der ICEJ erhob sich in Jerusalem ein Saal mit fast 3.000 christlichen Pilgern aus aller Welt von den Sitzen, um ein Volk willkommen zu heißen, das mehr als 2.700 Jahre lang fern seiner Heimat gelebt hatte.

Als die Delegation der Bnei Menasche vorgestellt wurde, standen 80 Mitglieder dieser alten Gemeinschaft auf und winkten der Menge zu. Junge Männer mit weißen Kippas, Frauen in farbenfrohen Kleidern und mit Kopftüchern sowie ältere Mitglieder der Gemeinschaft hoben grüßend ihre Hände, während über ihnen eine indische Flagge hochgehalten wurde. Die Pilger in den vorderen Reihen drehten sich auf ihren Sitzen um und applaudierten. Nicht wenige waren dabei zu Tränen gerührt.

Nur sechs Monate zuvor hatten diese Männer, Frauen und Kinder noch im Nordosten Indiens gelebt. Heute sind sie Bürger Israels und gehören zu den 100 Neueinwanderern, die die ICEJ im vergangenen April mit einem eigens gecharterten Flugzeug nach Israel gebracht hat. Begleitet wurden sie von Nicole Yoder, der Vizepräsidentin für Hilfsprojekte und Alija, sowie unserer ICEJ-Fotoreporterin Kelera Cirimaiwasa. Bereits früher an diesem Tag standen die Flaggen Indiens und Israels Seite an Seite, als sich die Delegation zu einem besonderen Empfang versammelte.

 

Die Kinder Manasses

Die Bnei Menasche, auch „Kinder Manasses“ genannt, führen ihre Abstammung auf einen der zehn nördlichen Stämme Israels zurück, die im Jahr 722 v. Chr. vom Assyrischen Reich ins Exil verschleppt wurden. Ihrer mündlichen Überlieferung zufolge führte sie eine lange Wanderung ostwärts entlang der alten Seidenstraße durch Persien und Afghanistan bis nach China und schließlich weiter nach Süden in die Hügel im Nordosten Indiens, wo sie Zuflucht vor Verfolgung suchten.

Im 19. Jahrhundert bekehrten britische Missionare den größten Teil dieser Gemeinschaft zum Christentum. Doch ein entschlossener Rest hielt fernab der übrigen jüdischen Welt an seinen hebräischen Traditionen fest. Sie beschnitten ihre Söhne am achten Tag, befolgten Speisevorschriften, die den Kaschrut-Gesetzen ähnelten, und hielten einen wöchentlichen Ruhetag ein. Außerdem bewahrten sie ein uraltes Erntelied, das Sikpui Hla, das von einem Meer erzählt, das sich teilte, von einer Wolken- und Feuersäule sowie von Wasser, das aus einem Felsen hervorsprudelte. Dies sind unverkennbare Anklänge an den Auszug aus Ägypten.

Im Jahr 2005 erkannte der sephardische Oberrabbiner Israels sie offiziell als „Nachkommen Israels“ an. Seitdem sind rund 4.000 von ihnen nach Israel eingewandert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die ICEJ mehr als 1.400 Angehörigen dieser Gemeinschaft dabei geholfen, in ihre Heimat zurückzukehren.

Ihre Rückkehr hat inzwischen eine neue Dringlichkeit erhalten. Im Mai 2023 brach im indischen Bundesstaat Manipur ethnische Gewalt zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Meitei und den indigenen Kuki-Zo-Gemeinschaften aus den umliegenden Hügelregionen aus. Da viele Bnei Menasche den Kuki-Zo-Gemeinschaften angehören, gerieten auch sie in die Gewalt hinein.

Lalam Hangshing, Vorsitzender des Rates der Bnei Menasche, berichtete der Nachrichtenagentur Agence France-Presse, dass Dörfer „dem Erdboden gleichgemacht“ worden seien. Zwei Synagogen wurden zerstört, mindestens ein Mitglied der Gemeinschaft wurde getötet und mehr als 2.000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Einige mussten sich sogar antisemitische Beschimpfungen anhören, in denen ihnen zugerufen wurde, sie sollten „nach Israel zurückgehen“.

Ende 2025 waren in Manipur noch immer rund 78.000 Menschen vertrieben. Amnesty International berichtete von Notunterkünften, in denen sich mehr als 100 Familien lediglich zwei oder drei provisorische Toiletten teilen mussten. Gleichzeitig kam es zu Ausbrüchen von Masern, Ruhr und Fieber.

„Die Menschen flohen mit kaum mehr als der Kleidung, die sie am Leib trugen“, berichtete ein Mitglied der Gemeinschaft, das vertriebene Familien unterstützt. „Der Hass sitzt zu tief. Frieden ist noch in weiter Ferne.“ Als Reaktion darauf genehmigte die israelische Regierung im November 2025 die Operation „Wings of Dawn“. Ziel dieses Plans ist es, die verbliebenen Mitglieder der Gemeinschaft bis zum Jahr 2030 nach Israel zu bringen.

Die Operation wird vom Ministerium für Alija und Integration sowie von der Jewish Agency for Israel geleitet. Für die erste Phase wurde allein für das Jahr 2026 ein Budget von rund 27 Millionen US-Dollar bereitgestellt. Damit sollen Flüge, Hebräischkurse, Wohnraum und Integrationsmaßnahmen finanziert werden. Bis Ende 2026 wird mit der Ankunft von etwa 1.200 Menschen gerechnet.

Der hebräische Name der Operation, Kanfei Shachar, geht auf die Worte des Psalmisten zurück: „Nähme ich die Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort deine Hand mich führen.“ - Psalm 139,9-10

 

Die nächste Einwanderungswelle

Nach ihrer Ankunft werden die Neueinwanderer in Aufnahmezentren in nordisraelischen Städten wie Nof HaGalil und Kirjat Jam untergebracht. Dort lernen sie Hebräisch, suchen ein Zuhause und erhalten Unterstützung bei ihrer Eingliederung in die israelische Gesellschaft. Für einige bedeutet dies auch ein freudiges Wiedersehen mit Verwandten, die bereits Jahre zuvor Alija gemacht haben. Und weitere werden folgen. Für diesen November wird erwartet, dass etwa 600 Bnei Menasche mit Sonderflügen nach Israel kommen. Die ICEJ arbeitet dabei mit der Jewish Agency zusammen. Tausende weitere warten noch immer in Indien auf ihre Rückkehr.

Für die Christen, die sich zu diesem Laubhüttenfest in Jerusalem versammelt hatten, war der Anblick der Bnei Menasche mitten unter ihnen wie eine biblische Prophezeiung, die sich vor ihren Augen erfüllte. Der Prophet Jeremia rief die Völker dazu auf, in den fernen Küstenländern zu verkünden:

„Der Israel zerstreut hat, der wird es auch wieder sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde.“ (Jeremia 31,10)

Auch Jesaja sah voraus, dass die Nationen die Söhne und Töchter Israels nach Hause bringen würden (Jesaja 49,22). Am israelischen Abend verkündeten die Völker diese Botschaft nicht nur – sie brachten ihre Begeisterung dafür auch mit ihrem Applaus zum Ausdruck.

Helfen Sie mit die Bnei Menashe nach Israel zurück zu bringen. Vielen Dank für Ihre Spende. 

 


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