August 2026: Ein Bundesstaat in Gefahr
Im August 2026 befindet sich Manipur weiterhin in einem Kreislauf aus Gewalt, politischer Unsicherheit und humanitärem Leid. Drei Jahre nach Ausbruch des ethnischen Konflikts kämpft der Bundesstaat mit sporadischen Zusammenstößen, gravierenden Versorgungsengpässen und einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, für deren Überwindung bislang keine Anzeichen erkennbar sind.
Die Gewalt ist zwar seltener geworden, bleibt jedoch tödlich. Im Mai 2026 wurden sechs Zivilisten der Naga entführt und getötet, wodurch sich die Spannungen zwischen den Gemeinschaften der Naga und der Kuki-Zo erheblich verschärften. Sicherheitskräfte führen weiterhin Operationen im gesamten Bundesstaat durch, nehmen Mitglieder verbotener militanter Organisationen fest und beschlagnahmen Waffen, Munition und Sprengstoff. Die zugrunde liegenden ethnischen Spannungen sind jedoch weiterhin ungelöst; die verschiedenen Gemeinschaften leben in einem Klima des Misstrauens und der Angst.
Eine Krise spielt sich derzeit auf dem National Highway 37 ab, einer wichtigen Lebensader des Bundesstaates. Am 31. Juli 2026 traten Transportunternehmen aus dem Mineralölsektor in einen unbefristeten Streik und stellten den Transport von Treibstoff und Flüssiggas (LPG) mit Tanklastwagen ein. Sie protestieren damit gegen die weit verbreitete Erpressung durch bewaffnete Gruppen. Die Transportunternehmen geben an, an bis zu sechs verschiedenen Kontrollpunkten gezwungen zu werden, illegale „Steuern“ zu zahlen. Die geforderten Beträge seien Berichten zufolge von 200 Rupien auf bis zu 7.000 Rupien pro Lastwagen gestiegen. Dies hat zu langen Warteschlangen an den Tankstellen in Imphal geführt und birgt die Gefahr eines weitreichenden Treibstoffmangels.
Politisch bleibt der Bundesstaat instabil. Zivilgesellschaftliche Gruppen der Meitei haben der Regierung des Bundesstaates ein Ultimatum gestellt und fordern, bis zum 6. August Schritte zur Aktualisierung des staatlichen Registers indischer Staatsbürger einzuleiten, um mutmaßlich illegal eingewanderte Personen zu identifizieren. Sie drohen mit einer Verschärfung der Proteste, sollte die Forderung ignoriert werden.
Unterdessen protestiert die Kuki-Zo-Gemeinschaft weiterhin gegen die Verhaftung ihrer Anführer. Die Landesregierung, die nach einem Jahr der Zentralregierung von Neu-Delhi aus im Februar 2026 ihr Amt antrat, hat Schwierigkeiten, die ethnischen Gräben zu überwinden – trotz der Ernennung von stellvertretenden Ministerpräsidenten aus beiden Gemeinschaften.
Die humanitären Folgen sind weiterhin verheerend. Mehr als 60.000 Menschen leben, nach wie vor in Notunterkünften und können nicht in ihre Heimat zurückkehren. Über 7.800 Häuser wurden zerstört. Tausende Menschen, die innerhalb des Landes vertrieben wurden, haben Schwierigkeiten, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu decken; einige Schüler laufen Gefahr, ihre Schul- oder Ausbildung abbrechen zu müssen.
Die Anfänge der Krise: Mai 2023
Um die aktuelle Krise in Manipur zu verstehen, muss man die bestehenden Konflikte über Jahrhunderte hinweg zurückverfolgen. Manipur war einst ein unabhängiger Fürstenstaat und wurde 1949 in Indien eingegliedert – ein Schritt, der historisch bis heute umstritten ist.
Die britische Kolonialverwaltung verfestigte eine Trennung zwischen Tal- und Bergregionen: Die überwiegend hinduistische Gemeinschaft der Meitei, die etwa 53 % der Bevölkerung ausmacht, lebte vor allem in den fruchtbaren Ebenen rund um Imphal. Die Kuki-Zo, Naga und andere Stammesgemeinschaften, die überwiegend christlich sind, leben dagegen hauptsächlich in den umliegenden Bergregionen, die etwa 90 % der Fläche des Bundesstaates ausmachen.
Die Regierung von Manipur verbot Nicht-Stammesangehörigen – hauptsächlich den Meitei – den Erwerb von Land in den Bergregionen. Gleichzeitig wurde den in den Bergregionen lebenden Stammesgemeinschaften besondere Schutzrechte und Quoten bei Arbeitsplätzen, Bildung und politischer Vertretung gewährt.
Die Meitei, im Tal, die ebenfalls Fördermaßnahmen erhielten, fühlten sich zunehmend unter Druck, da ihre Bevölkerung wuchs, während die Bergstämme über große, geschützte Waldgebiete verfügten.
Diese demografische Veränderung, verstärkt durch den Zustrom von Chin-Kuki-Flüchtlingen aus Myanmar, die vor dem dortigen Bürgerkrieg und den Unruhen flohen, schuf eine hochexplosive Situation, die nur noch auf einen Auslöser wartete.
Der Auslöser kam am 14. April 2023, als der oberste Gerichtshof von Manipur die Regierung des Bundesstaates anwies, eine Aufnahme der Meitei in die Liste der Förderprogramme, die die Stämme in den Bergregionen hatten zu prüfen.
Die Meitei erhoffte dass ihnen dadurch Zugang zu Land in den Bergregionen sowie zusätzliche Schutzrechte ermöglicht werden würde. Die Stammesgemeinschaften in den Bergregionen betrachteten dies wiederum als existenzielle Bedrohung für ihre eigenen Schutzrechte und ihre ethnische Identität.
Die Stammesgemeinschaften der Bergregionen organisierten große Proteste, und stießen auf die Gegenblockaden der Meitei. Am 3. Mai 2023 brach in Torbung-Kangvai an der Grenze zwischen Churachandpur und Bishnupur Gewalt aus. Noch am selben Abend setzten Kuki-Mobs Eigentum der Meitei in Brand; daraufhin übten Meitei-Mobs im Tal Vergeltung und brannten Siedlungen der Kuki sowie Kirchen nieder. Innerhalb von 48 Stunden hatte sich die Gewalt auf mehrere Distrikte ausgeweitet. Es wurden Ausgangssperren verhängt, Schießbefehle erlassen und das Internet abgeschaltet. Aus den Waffenlagern der Polizei verschwanden Waffen.
Die Gewalt erwies sich als langanhaltend und verheerend. Bis Ende 2024 lag die Zahl der von staatlicher Seite bestätigten Todesopfer bei 258, während mehr als 60.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben worden waren. Mehr als 250 Kirchen wurden zerstört; außerdem wurden mindestens zwei Synagogen niedergebrannt.
Ausweitung des Konflikts:
Bis Mitte 2026 hatte sich der Konflikt über die Konfrontation zwischen Meitei und Kuki-Zo hinaus ausgeweitet. Jetzt kam es zwischen Kuki-Zo und Naga zu neuen Zusammenstößen.
Die Gewalt begann im Februar 2026, als eine kleinere Auseinandersetzung im Distrikt Ukhrul zu einem ethnischen Konflikt eskalierte. Zwischen Februar und Juni 2026 wurden 48 Menschen entführt, 20 getötet und mehr als 50 Häuser niedergebrannt. Der schwerwiegendste Vorfall ereignete sich am 13. Mai, als sechs Naga-Männer aus Kangpokpi entführt wurden. Ihre Leichen wurden 26 Tage später gefunden.
Die Zusammenstöße zwischen Naga und Kuki-Zo haben ihre Wurzeln in historischen Konflikten, die bis in die 1990er-Jahre zurückreichen. Damals kamen bei Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gemeinschaften etwa 1.000 Menschen ums Leben.
Auch die Bevölkerungsentwicklung und Umsiedlungen haben die Spannungen verschärft: Nachdem viele Kuki-Zo aus dem Tal vertrieben worden waren, zogen sie in Bergregionen, in denen bereits Naga-Dörfer existierten. Dies hat innerhalb der Naga-Gemeinschaft die Befürchtung verstärkt, dass selbst kleinere Streitigkeiten schnell zu größeren ethnischen Auseinandersetzungen eskalieren könnten.
Der Exodus einer Gemeinschaft: Die Bnei Menashe
Inmitten dieses Chaos hat eine Gemeinschaft einen Weg gefunden, das Land zu verlassen: die Bnei Menashe, eine ethnische Gruppe der Kuki, die ihre Abstammung auf den antiken, als verschollen geltenden Stamm Manasse zurückführt. Im 19. Jahrhundert wurden sie durch Missionare zum Christentum bekehrt. Im 20. Jahrhundert entstand innerhalb der Gemeinschaft eine Bewegung, die zu ihrem vermeintlichen alten Glauben zurückkehren wollte. Heute praktizieren sie das Judentum, und Israel erkennt sie offiziell als „Nachkommen Israels“ an.
Die Bnei Menashe haben im jüdischen Staat eine außergewöhnliche Geschichte des Militärdienstes aufgebaut und weisen unter den verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes die höchste Einberufungsquote zur israelischen Armee (IDF)auf. Erstaunliche 99 % der wehrdienstberechtigten Bnei-Menashe-Männer melden sich nach ihrer Einwanderung nach Israel (Aliyah) freiwillig zum Militärdienst. Während 10 % der Bnei-Menashe-Frauen Militärdienst leisten, absolvieren die übrigen 90 % aufgrund orthodoxer religiöser Vorschriften einen nationalen zivilen Dienst (Sherut Leumi).
Dieses Engagement für die Verteidigung Israels wurde während des jüngsten Krieges besonders deutlich. Als die schweren Kampfhandlungen ausbrachen, wurden mehr als 215 Mitglieder der Gemeinschaft umgehend in Kampfgebiete entsandt. Darunter waren 75 aktive Soldaten in Elite-Infanteriebrigaden sowie 140 Reservisten, die Verteidigungsstellungen besetzten. Zwei IDF-Soldaten aus der Gemeinschaft kamen dabei ums Leben:
· Stabsfeldwebel Geri Gideon Hanghal, 24, aus Nof HaGalil, wurde am 9. November 2024 bei einem terroristischen Rammangriff getötet, während er in der Kfir-Brigade diente.
· Stabsfeldwebel Gary Lalhruaikima Zolat, 21, aus Afula, wurde am 12. November 2024 durch eine Explosion während eines Einsatzes im nördlichen Gazastreifen getötet.
Angesichts dieses ausgeprägten Zionismus und der Gefahren, denen die Gemeinschaft in Manipur ausgesetzt ist, haben Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und der Minister für Einwanderung und Integration, Ofir Sofer, eine umfassende Regierungsinitiative auf den Weg gebracht. Der Plan mit dem Codenamen „Operation Wings of Dawn“ sieht vor, bis 2030 etwa 5.800 Bnei Menashe aus Manipur und Mizoram nach Israel umzusiedeln. Rund 1.200 Einwanderer sollen bis Ende 2026 nach Israel kommen. Weitere 4.600 Menschen sollen bis 2030 folgen, sodass die vollständige Umsiedlung der Gemeinschaft abgeschlossen sein soll.
Am 23. April 2026 landete ein von der International Christian Embassy Jerusalem (ICEJ) unterstützter Charterflug mit mehr als 230 neuen Olim erfolgreich am Flughafen Ben Gurion. Weitere 600 Menschen sollen im November 2026 mit drei zusätzlichen Flügen eintreffen. Israelische Politiker haben diese Alija ausdrücklich als eine „Rettungsaktion“ bezeichnet, die durch die Gewalt motiviert sei, von der die Bnei Menashe unmittelbar betroffen sind. Ihre Synagogen und Häuser wurden niedergebrannt, und mehr als 2.000 Mitglieder der Gemeinschaft wurden vertrieben.
Die Alija der Bnei Menashe stellt eine bemerkenswerte Ironie dar: Eine Gemeinschaft, deren ethnische Wurzeln tief in Manipur liegen und die dort zwischen die Fronten des ethnischen Konflikts geraten ist, verlässt das Land ihrer Geburt und zieht in ihre spirituelle Heimat, wo sie sich als einige der engagiertesten Verteidiger des jüdischen Staates erwiesen hat.
Der Weg nach vorn
Die Krise in Manipur hat eine Büchse der Pandora geöffnet, deren Folgen nach Ansicht von Experten nur durch strukturelle Reformen bewältigt werden können. Zu den wichtigsten Prioritäten gehören die Rückbeschaffung geplünderter Waffen, die Auflösung von Bürgerwehren und bewaffneten Parallelstrukturen sowie die Einrichtung glaubwürdiger Friedenskomitees, in denen auch Frauen und Vertreter der Zivilgesellschaft aus allen Konfliktparteien beteiligt sind.
Ebenso entscheidend ist die Auseinandersetzung mit den Ursachen des Konflikts: Die Entwicklung der Bergregionen muss beschleunigt werden, um die Kluft zwischen Tal und Bergregionen zu verringern. Der Mohnanbau sollte durch alternative Einkommensmöglichkeiten reguliert und die Friedensvereinbarungen mit entsprechenden Schutzmechanismen wiederbelebt werden. Der Weg zum Frieden erfordert außerdem Foren für Wahrheitsfindung und Versöhnung, gemeinsame Jugendcamps verschiedener Bevölkerungsgruppen sowie wirtschaftliche Förderprogramme, die an gemeinsame Projekte geknüpft sind und dazu beitragen können, das gegenseitige Vertrauen wieder aufzubauen.
Für die Menschen in Manipur geht das Warten auf einen dauerhaften Frieden weiter. Drei Jahre der Gewalt haben gezeigt, dass die Bewohner des Bundesstaates ohne eine Auseinandersetzung mit den strukturellen Ungleichheiten und historischen Konflikten weiterhin in einem Kreislauf aus Misstrauen, Trennung und Leid gefangen bleiben werden.
Und für die Bnei Menashe ist die Reise nach Israel – so sehr sie ein Zeichen ihrer Widerstandskraft und ihres Patriotismus ist – zugleich eine bewegende Erinnerung an das, was sie in dem Land verloren haben, das sie einst ihre Heimat nannten.
